Traum in Grau

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Text: Markus Hieke
Foto: Thomas Jantscher

Fragt man einen Sternekoch, was er zuhause isst, dann lautet die Antwort meist: „Simpel, ausgewogen und mit guten Zutaten, aber ohne Schnickschnack.“ Wenn nun ein Architekt seine eigenen vier Wände plant, darf man dann ähnlich davon ausgehen, dass die Hülle schlicht, der Kern aber funktional ausgeklügelt ist? Ein Blick hinter die kargen Betonmauern des Schweizer Architekten Claude Fabrizzi, der seine monotone Nachbarschaft mit einem strengen Gegenentwurf zu konfrontieren weiß.

Vorweggenommen sei – das gilt längst als bewiesen: Architekten stehen auf Beton. Und wenn möglich, darf gern gleich alles aus einem Guss sein. Claude Fabrizzi vom Büro Savioz Fabrizzi Architectes bildet da keine Ausnahme. Seine Frau ist ebenfalls im Büro tätig, die beiden erfüllten sich mit Maison Fabrizzi gemeinsam ihren Traum in Grau. In der Gemeinde Conthey im Schweizer Kanton Wallis sticht ihr monolithischer Bau heraus aus einer heterogenen Masse freistehender Einfamilienhäuser mit Gärten. Ziel der Bauherren war es, jeden Winkel ihres Grundstückes in dieser dicht bebauten Ortschaft mit Funktion zu füllen, und dabei spannende Sichtbeziehungen zu den Bergen entstehen zu lassen.

Mauer mit Haus
Der Baukörper mit einem Grundriss in Form eines schräg gestellten Trapezes wurde dafür im nördlichen Teil des Grundstückes positioniert. Neben dem angrenzenden Autostellplatz steigt hier sacht und ungleichmäßig eine Mauer aus Beton bis auf zwei Meter Höhe an und zieht sich spiralförmig einmal um das Haus und den zur Südseite gelegenen Garten. Nur durch eine Garagenzufahrt an der Nordostseite des Hauses wird die Mauer durchbrochen und schließt danach nahtlos mit der Hauskante ab.

Aus einem Block
Das eigentliche Gebäude wirkt wie aus einem Betonblock herausgearbeitet: unregelmäßige Anschnitte, sanfter Dachanstieg, keine Dachvorsprünge. Doch die tiefen Ausschnitte der großen Fenster durchbrechen den Monolithen immer wieder und heben die eher verschlossene Wirkung des kargen Baus ein wenig auf.

Eichenakzente

Auch im Inneren gibt Betongrau den Ton an. Einzig Einbauten und Fensterrahmen aus Eichenholz ergänzen das Sichtbeton-Interieur um warme Akzente. Und die braucht es, soll der Wohnraum mit seinen über Halbgeschosse verteilten Funktionen nicht erdrückend wirken. Im Untergeschoss sind Keller und Technikraum untergebracht. Auf der Erdgeschossebene gelangt man, zunächst vorbei an Gäste-WC und Garagenvorraum, in die offene Küche mit freistehender Arbeitsfläche und einem großen Esstisch – jeweils rare Elemente aus Holz, denn selbst die Sitzbank ist hier konsequenterweise betoniert.

Pläne
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Wenige Stufen führen gleich daneben hinauf zum offenen Wohnbereich, der durch Blickbeziehungen zum unteren und oberen Teil des Hauses optisch erweitert wird. Großzügig verteilte Panoramafenster schenken dem Innenraum viel Tageslicht, die Ausblicke von innen hinaus zu den Alpengipfeln wirken wie gerahmt. Und auch weiter oben bleibt der Bezug auf die Berge wichtig. Dabei gleicht im gesamten Haus kein Fensterformat dem anderen. Ein halbes und ein ganzes Stockwerk höher ordnen sich die Bäder, drei Schlafzimmer und ein Arbeitszimmer um die Treppe herum an – jeder Raum in unregelmäßigen Proportionen zwischen Wänden und Decke.

Nachhaltig klimatisiert
Die Naturverbundenheit der Architektur wird durch ökologische Nachhaltigkeit der Konstruktion und Haustechnik ergänzt. So trägt die doppelwandige Außenhülle eine effektive Isolierung. Ausreichend Wärme für Heizung und Warmwasser bereiten ein Pellet-Kamin im Wohnzimmer sowie ein paar Quadratmeter Solarelemente auf dem Dach. Zur komfortablen Wärmeverteilung und Belüftung sind sämtliche technische Installationen auf allen Ebenen in die Bodenplatte integriert.

Durchdacht und detailverliebt
Das Zuhause eines Architekten mag von außen eigenwillig, minimal und nüchtern erscheinen. Innen aber ist es von A wie Armierung bis Z wie Zuluft akribisch durchdacht und detailverliebt realisiert. So ist Maison Fabrizzi ein gelungenes Beispiel und Beweis unserer These: Inhalt zählt mehr als jedes gefällige Beiwerk. Es ist, als hätte man bei einem Sternekoch zuhause zu Abend gegessen.

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