Faraway So Close

A Journey to the Architecture of Kashef Chowdhury / URBANA, Bangladesh

Ausstellung
26. Januar - 6. März 2019

Eröffnung
Freitag, 25. Januar 2019, 18.30 Uhr

Ausstellungsort

Aedes Architekturforum
Christinenstr. 18-19
10119 Berlin

Öffnungszeiten

Di-Fr 11-18.30 Uhr
So-Mo 13-17 Uhr
Sa, 26. Januar 2019, 13-17 Uhr

Zur Eröffnung sprechen
Dr. h.c. Kristin Feireiss
Aedes Architekturforum, Berlin
H.E. Imtiaz Ahmed
Botschafter, Bangladesh Embassy, Berlin
Niklaus Graber
Kurator, Graber & Steiger Architekten, Luzern
Andreas Ruby
Kurator, S AM Schweizerisches Architekturmuseum, Berlin/Basel
Kashef Chowdhury
URBANA, Bangladesch

Musikalische Einstimmung
Rajrupa Chowdhury (Sarode), Dhaka and Prabhu Edouard (Tabla), Paris


Werkvortrag Kashef Chowdhury
Freitag, 25. Januar 2019, 17 Uhr
ANCB The Aedes Metropolitan Laboratory

Begrüßung
Hans-Jürgen Commerell
Aedes Architekturforum, Berlin

Einführung
Niklaus Graber & Andreas Ruby
Kuratoren der Ausstellung

Werkvortrag
Kashef Chowdhury
URBANA, Bangladesch

 

Aedes Kooperationspartner

 

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  • Cyclone Shelter in the Coastal Belt of Bay of Bengal. © Kashef Chowdhury

Mit seiner ersten umfassenden Werkschau in Europa stellt das Aedes Architekturforum die Arbeiten von Kashef Chowdhury/URBANA aus Bangladesch vor, der 2016 für sein Friendship Centre in den Flutgebieten von Gaibandha im Norden Bangladeschs den renommierten Aga Khan Award for Architecture erhielt. Auch mit Projekten wie z.B der Gulshan Moschee in Dhaka und dem Cyclone Shelter in Kuakata erhielt er große internationale Aufmerksamkeit. Durch die sorgfältige Anordnung der Bauten in den durch extreme klimatische Bedingungen geprägten Gebieten, in Kombination mit lokalen Bautechniken und Baumaterialien, sind Kashef Chowdhurys Gebäude vorbildhafte Repräsentanten einer Architektur, die sich mit radikaler Einfachheit und Poesie in den Dienst der Gesellschaft stellt. Die von Niklaus Graber und Andreas Ruby kuratierte Ausstellung lädt mit einer stimmungsvollen Installation zu einer Reise nach Bangladesch und in die Architekturwelten von URBANA ein.

Auf der architektonischen Weltkarte war das in vieler Hinsicht als Randregion stigmatisierte Bangladesch bisher kaum präsent. Das dürfte sich jedoch in naher Zukunft ändern. Ein Grund dafür ist die Architektur von Kashef Chowdhury/URBANA.

Auf den ersten Blick wirken Kashef Chowdhurys Bauten, wie z.B. die sturmsichere Schule oder inselförmig im Bramaputra angelegte Dorfstrukturen, ganz unmittelbar aus dem lokalen Kontext Bangladeschs entwickelt, das zu den am dichtesten besiedelten Regionen der Erde gehört und von tropischen Klimaextremen bestimmt ist. Auf den zweiten Blick spannt seine Architektur den Bogen über Raum und Zeit hinweg von Ost nach West, von der Vergangenheit in die Gegenwart und wartet dank der virtuosen Behandlung von Licht, Raum und Materialität mit einer universellen Verständlichkeit auf. Die Werke von URBANA sind in ihrer Unmittelbarkeit nicht nur räumlich und architektonisch außergewöhnlich, sondern sie zeugen darüber hinaus von der hohen gesellschaftlichen Relevanz einer Architektur, die sich ernsthaft und erfinderisch mit brennenden Fragen über Dichte, Klimawandel, Migration oder der Reaktivierung ruraler Potenziale auseinandersetzt. Durch ein sorgfältig aus der Geschichte und Geografie des größten Deltagebietes der Erde entwickeltes lokales Handeln erlangt URBANAs Arbeit eine globale Bedeutung, die uns fern Geglaubtes in unmittelbare Nähe rückt.


Friendship Centre, Gaibandha. @ Hélène Binet

Strategien für Bangladesch: Lokales Handeln, globale Relevanz

Gerade weil sich in Bangladesch die städtischen Ballungsgebiete etwa in Dhaka oder Chittagong unter dem Druck der Landflucht baulich explosionsartig entwickeln, sind die Werke von Kashef Chowdhury nicht der wachsenden, urbanen Mittel- oder Oberschicht vorbehalten. Vielmehr liegt ein starker Fokus des Architekten der Findung neuer Strategien, welche dem ländlichen Bevölkerungsteil, der noch immer 75% der 165 Millionen Einwohner Bangladeschs ausmacht, in seinem angestammten Lebensraum Halt und Identität bieten. Dem Entwerfer von Ausbildungsstätten, Krankenhäusern oder Siedlungskonzepten in entlegensten Gebieten ist bewusst, dass letztlich nur eine ernst gemeinte Verbesserung der Lebensumstände auf dem Lande der unaufhaltsam scheinenden Landflucht – und damit dem Kollaps der Stadtregionen – Einhalt gebieten kann.

In der von Fluten, Zyklonen und einem ansteigenden Meeresspiegel bedrohten Deltalandschaft Bangladeschs, in welcher nicht nur hydrogeologisch alles im Fluss zu sein scheint, überraschen die Bauten URBANAs mit einer kompromisslosen Permanenz, die auf klaren Geometrien, auf lokal einfach verfügbaren Materialien und gebräuchlichen Bautechniken basiert. Oft sind es Variationen des im tropischen Klima bewährten Bungalow-Typs und vor Ort aus dem lehmigen Boden gewonnene Ziegel, welche die Grundbausteine einer mehrheitlich handwerklich erbauten Architektur ausmachen. Deren sorgfältig proportionierten, stimmungsvoll belichteten Räume schaffen den Spagat, höchste Funktionalität und Robustheit mit Sinnlichkeit und Anmut in Einklang zu bringen. Architektur wird damit zu einer wichtigen Basis, den am Rande der Gesellschaft lebenden Bevölkerungsschichten zeitgemäße und würdevolle Lebensräume zu schenken.

Kashef Chowdhurys Arbeit mit dem Material Erde ist immer auch eine Arbeit mit der Landschaft und dem im Delta omnipräsenten Element Wasser, das Segen und Bedrohung zu gleich ist. Gezielt werden – wie etwa beim Friendship Centre Gaibandha oder den erhöhten Siedlungen in den Flusserosionsgebieten des Bramaputras – Sockel und Dämme angelegt, die die Bauten landschaftlich verorten und sie vor drohender Überflutung schützen. Der Niederschlag des Monsuns wird in Wasserbecken gesammelt und zur natürlichen Kühlung oder in der Landwirtschaft eingesetzt.


Chandgaon Moschee. © Kashef Chowdhury/URBANA

Arbeiten für die Gesellschaft: Pragmatische Poesie

Ein ganz neues Projekt, das zeigt, wo Kashef Chowdhury die Potenziale einer relevanten Architektur verortet, ist die aus Bambus konstruierte Schulanlage im Rohingya-Flüchtlingslager von Ukhia im Grenzgebiet zu Myanmar. Auch hier setzt die Architektur trotz minimalstem Budget und prekärster Umstände auf den sinnlichen Reichtum von Raum, der dem kleinen Schulbau inmitten von trostlos ausufernden Notunterkünften seine unverwechselbare Identität verleiht.

Wie sehr Pragmatik und Poesie Hand in Hand gehen können und zu welcher Ikonografie sich dieses fruchtbare Gespann verdichten kann, zeigt sich auch an einem anderen Schulgebäude. In der immer wieder von Zyklonen heimgesuchten südlichen Küstenregion entstand unlängst eine Primarschule, die während der jährlichen Sturmsaison auch als Schutzbau dienen kann. Als ob die Architekten den Sturm mit seinen eigenen Waffen schlagen wollten, sind die Klassenzimmer mit einer spiralförmigen Erschließungsrampe umwickelt. Deren gebrochene Form bietet dem Sturm wenig Angriffsfläche und schützt die Innenräume vor herumwirbelnden Trümmern. Bei normalen Witterungsbedingungen wirkt sie als Schattenspender und schützt die natürlich belüfteten Klassenzimmer vor übermäßiger Sonneneinstrahlung.

Ein vielschichtiges Raumerlebnis und ein hoher Grad an Durchlässigkeit, welcher für eine ausgewogene Lichtführung und natürliche Durchlüftung sorgen, kommen in URBANAs Projekten auch dann nicht zu kurz, wenn es darum geht, in der 18-Millionen-Metropole Dhaka Antworten auf die extreme urbane Dichte zu geben. Die siebengeschossige Gulshan Moschee oder das Projekt für den Abahani Sportkomplex setzen hier auf ein Konzept der vertikalen Stapelung und Parallelnutzung, das im Umfeld Freiräume schafft. Dank der Weichheit, ihren textil anmutenden, statisch wirksamen Betonhüllen, die wie Gewebe oder gespannte Tücher vor gleißendem Sonnenlicht schützen, werden diese städtischen Spielformen des Pavillon-Typs bei aller Radikalität und Größe zu kommunikativen Mitspielern in Stadtraum.


Ukhia Schools, Teknaf. © Ahsan Habib/URBANA

Die Ausstellung: Tropische Wunderkammer

Die umfassende Ausstellung über das Werk von URBANA dokumentiert anhand von Modellen, Fotos, Filmen und Plänen mehr als ein Dutzend Bauten und Projekte und gewährt einen kaleidoskopischen Einblick in die Entwurfs- und Bauprozesse. So werden u.a. das Friendship Centre Gaibandha, die Siedlungen in den Flusserosionsgebieten des Bramaputras, die siebengeschossige Gulshan Moschee, der Cyclone Shelter im Küstengebiet der Bay of Bengal und die Schulanlage im Rohingya-Flüchtlingslager von Ukhia im Grenzgebiet zu Myanmar zu sehen sein. In den Räumen von Aedes öffnet das Team von URBANA sein Atelier und schenkt Raum, um in einer kontemplativen 1:1 Situation ihre „Wunderkammer“ zu entdecken. Die Besucher sind eingeladen, mitten aus dem winterlichen Berlin in eine sinnlich choreografierte Reise durch den reichen Kulturraum und die unendlichen Weiten des im Tropenlicht schimmernden Ganges-Deltas einzutauchen.

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