Wohnen

Stadtentwicklung 2.0

Berlin
Existenzgrundlage oder Wertanlage? Nie waren die Formen des innerstädtischen Wohnens so unterschiedlich wie heute. Ob die Villa im Grünen, Reihenhaussiedlung am Rand, das Townhouse im Zentrum, die Baugruppe im Szenekiez, Miet- oder gar Eigentumswohnung in sanierten Altbauten, günstige Studentenwohnungen in Problemvierteln oder die Sozialwohnungen in einem von vielen kompakten Wohntürmen abseits der Innenstädte – diese klischeebelastete Spannweite lässt ahnen, dass die Potentiale der Stadtentwicklung im Wohnungsbau noch kaum genutzt werden. Eine hochkarätige Gesprächsrunde diskutierte im Rahmen des Grohe-Dialogs zum Thema „Stadtentwicklung 2.0“ im Berliner Spreespeicher über Stadtmanagement, Möglichkeiten zukünftiger Stadtentwicklungen, experimentelle Wohnformen und die wachsende Wohnungsknappheit. Denn soviel steht fest: Es muss sich etwas ändern. Schnell.

Genau richtig scheint da die Initiative des Prae-IBA-Teams Tempelhof, das seit einem halben Jahr die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bei den Leitideen für die IBA 2020 berät. Die Leiterin Sonja Beeck erklärt, warum eine IBA als Institution für die Stadtentwicklung wichtig ist: „Sie vernetzt Akteure und schafft einen Dialog zwischen Stadtplanern, Architekten und Nutzern.“ Ohne Partizipation scheint heute kein Entwicklungsprozess mehr sinnvoll. Wie im Web 2.0 stammen die Inhalte von den Nutzern: Stadtentwicklung 2.0.

Ähnlich wie das Prae-IBA-Team gibt es in Berlin eine weitere Initiative, die eine gewisse Aufbruchsstimmung verbreitet. Kaden Klingbeil Architekten ist eines der sieben Berliner Architekturbüros, die sich zu einer Art ‚Workshop‘ zusammengeschlossen haben. „Es sind die Routinen in der Grundstücksvergabe“, schildert Tom Kaden, „die eine nutzergesteuerte Stadtentwicklung unmöglich machen.“ Öffentliche Grundstücke werden unter der Hand zu Spott-Preisen verschleudert, der Liegenschaftsfond verkauft nur an den Meistbietenden. „Durch den Liegenschaftsfond haben soziale Wohnprojekte in den Innenstädten kaum eine Chance. Jede Form einer Sozialdurchmischung wird so im Keim erstickt.“ Eine der wenigen Möglichkeiten, Wohnraum als Eigentum zu generieren, scheint das Modell der Baugruppe – doch sind die Grundstücke hier oft unvorteilhaft und in schlechter Lage.

In München kann man über die Berliner Stadtentwicklungsproblematik nur Schmunzeln – so unentspannt wie der Wohnungsmarkt sich hier schon seit Jahren zeigt. Der Architekt Ritz Ritzer (bogevischs buero) hat am Stadtrand Münchens zusammen mit seinem Partner das ehemalige Olympische Dorf der Frauen umgebaut. Keine leichte Aufgabe, in der Siebziger-Jahre-Siedlung attraktiven, zeitgemäßen Wohnraum zu schaffen, ohne dabei gegen die Richtlinien der Denkmalpflege zu verstoßen. Entstanden ist ein Bungalowdorf für Studenten in der Nähe von Uni und Innenstadt – jeder Student hat sein eigenes Minihaus. „München ist ein monozentrales Gebilde mit dem Marienplatz in der Stadtmitte“, beschreibt Ritz Ritzer das bayrische Zentrum-Peripherie-Desaster. „Doch es hat seine Vorteile am Stadtrand zu wohnen: Man ist schnell in den Alpen!“ Aktuell sind in München neue Zentrumsbildungen zu beobachten – in Pasing oder in Riem zum Beispiel. Die Stadt muss als Akteur auf den mangelnden Wohnraum reagieren.

Auch der Wohnungsmarkt in Hamburg ist alles andere als entspannt. Volker Halbach aus dem Büro blauraum architekten stellt eine Aufstockung von sechs Baublöcken in der Hamburger Bebelallee vor. „Treehouses“ nennt er diese aufgesetzten Einfamilienhäuser. Die Wohnfläche wurde verdoppelt, der bisherige jährliche CO2-Ausstoß halbiert – ein Vorzeigeprojekt im Umgang mit Bestandsbauten aus den fünfziger und sechziger Jahren.

Um ein wirklich ‚großes‘ Sorgenkind kümmert sich Ulrich Jursch von der Degewo Berlin. Sein Steckenpferd sind ganzheitliche Quartiersentwicklungen in Vierteln, die hauptsächlich von monofunktionalem Wohnungsbau geprägt sind. Diese in gemischte und lebendige Stadtquartiere zu verwandeln, scheint beinahe unmöglich, da sie, wie es Andreas Ruby passend auf den Punkt bringt, „von Natur aus mit einer Art Anti-Gentrifzierungspille ausgestattet sind“. In solch schwierigen Vierteln müssen Kontrapunkte gesetzt werden. Die Erdgeschosszonen sollen wiederbelebt, eine Funktionsmischung gefördert werden. Im Wedding zeigt gerade ein Projekt einen unerwarteten Erfolg: Durch eine gezielte Umstrukturierung der Gustav-Heinemann-Grundschule wird diese plötzlich auch für Eltern aus Berlin-Mitte und Prenzlauerberg interessant – die gewünschte Durchmischung ist anhand der Anmeldequoten ablesbar.

Doch ist der soziale Wohnungsbau passé? „Es muss ein neuer sozialer Wohnungsbau entwickelt werden, der auch multifunktional ist“, insistiert Ulrich Jursch. Und Tom Kaden fasst zusammen: „Wichtig ist heute, dass der Markt sofort auf den Wohnungsmangel reagiert und nicht erst, wenn die Mietpreise längst explodiert sind.“ Doch ist es nicht allein das Budget, das entscheidend ist. Grundlage für eine gute und nachhaltige Stadtentwicklung sind und bleiben politische Entscheidungsmodelle. Vielleicht sollte dies vor dem Gedanken der Partizipation das Leitthema der IBA 2020 werden. Wenn finanzielle Mittel fehlen, scheint die einzige Option, diese IBA sinnvoll zu gestalten, dass politische Ausnahmeregelungen abseits des Liegenschaftsfonds temporär genehmigt werden. Die Forderung danach sollte zumindest laut gestellt werden.

Jeanette Kunsmann

Location

Spreespeicher
Stralauer Allee 2a
10245 Berlin

Podiumsgäste

Ritz Ritzer,
bogevischs buero
Sonja Beeck,
Leiterin des Prae-IBA-Teams Tempelhof
Volker Halbach,
blauraum architekten
Tom Kaden,
KADEN KLINGBEIL
Ulrich Jursch,
degewo Berlin

Ablauf

19:00 Einlass und Begrüßung
bis 21:00 Podiumsdiskussion
anschließend Ausklang mit Imbiss